Pro&Contra:
Realisierung eines MES als Modul im ERP

Harald Hoff

Eine immer währende Herausforderung für Unternehmen ist der effiziente Einsatz ihrer Produktionsressourcen. Dies erfordert neben einer flexiblen Planung und Regelung auf der Betriebs- und Prozessleitebene häufig die Integration von Prozessen der Personaleinsatzplanung, des Qualitäts- und Toolmanagements, der Instandhaltung, der NC-Programmverwaltung etc.. Durch den Einsatz eines Manufacturing Execution Systemen (MES) kann diese komplexe Aufgabenstellung bewältigt werden. Als Bindeglied zwischen der Shop-Floor-Ebene und übergeordneten ERP-System verknüpft ein MES die Prozess- mit der Unternehmensleitebene.

Viele ERP-Anbieter ergänzen ihre betriebswirtschaftlich orientierte Software um die klassischen MES-Funktionen und bieten entsprechende Module an. Für die Anwender ergibt sich eine Alternative bei der Auswahl eines für ihren Kontext geeigneten MES: Die „Lösung aus einer Hand“ sollte in den Entscheidungsprozess einbezogen werden. In diesem Beitrag erfahren Sie aus Expertensicht, welche Vor- und Nachteile in dieser Realisierungsvariante eines MES bestehen. MES ist inzwischen eindeutig als Begriff für IT-Lösungen auf der Shop Floor Ebene etabliert und entwickelt sich zunehmend zu einem „Muss“ zur Organisation und Durchführung von „State of the art“ Produktionsprozessen. Aber lange Zeit haben große wie kleine ERP-Anbieter ihren Kunden erzählt, das sie kein MES brauchen, weil ihr ERP-System alle notwendigen Funktionen abdecken würde. Da die Realität anders aussah, hat sich ein eigenes Marktsegment spezialisierter MES-Anbieter entwickelt, die das Vakuum gefüllt haben. Dies ist den ERP-Anbietern natürlich nicht verborgen geblieben. Die meisten haben in der Zwischenzeit reagiert, so dass die Anwender heute zwischen drei unterschiedlichen Arten von ME-Lösungen auswählen können.

Die „klassische“ eigenständige ME-Lösung
Zunächst kann es sich bei einem MES um eine klassische eigenständige, im Prinzip an beliebige ERP-Systeme koppelbare ME-Lösung handeln. Dies ist häufig der Fall, selbst wenn das System von einem MES-Tochterunternehmen oder MES-Bereich eines ERP-Anbieters kommt. In diesem Fall kann es sich sowohl um ein eigenständiges, an andere ERP-Systeme koppelbares MES handeln, als auch um ein MES als vollständig integriertes ERP-Modul des ERP-Anbieters, ohne dass dies ein Widerspruch ist (z.B. PSImes).

MES als Derivat des ERP-Systems
Als Reaktion auf die „MES-Welle“ sind die meisten ERP-Anbieter inzwischen dazu übergegangen, die vorhandenen PPS-, QS- und BDE-Funktionen, mit grafischen Plantafeln, der Instandhaltung und - falls vorhanden mit der Werkzeug- und Vorrichtungsverwaltung und evtl. weiteren Modulen - zu integrieren und zu einem MES-Angebot zusammenzufassen. MES wird als ERP-Derivat bzw. modulare Ergänzung positioniert, mit dem Vorteil der vollständigen ERP-Integration und dem „Alles aus einer Hand-Argument“, aber je nach Anbieter mit dem Nachteil der geringeren Erfahrung bei der Shop Floor-Anbindung. Selbst der ERP-Marktführer SAP bietet seit einigen Monaten eine ME-Lösung, nachdem man in Walldorf die lange Jahre anhaltende Shop Floor-Abstinenz aufgegeben hat. Im Rahmen der „Perfect-Plant-Strategie“ hat SAP sein „ERP-/SCM-Angebot“ mit den Zukäufen Lighthammer „SAP Manufacturing Integration and Intelligence“ (SAP MII) und „Visiprise Manufacturing“ verknüpt und bietet nun ein eigenes, vollständig in die ERP-Welt integriertes MES an (SAP Manufacturing Execution). Trotz Zukauf, auch hier bildet die vollständige Online-ERP-Integration ein wichtiges Argument.

ERP-nahe ME-Lösungen von Systemhäusern
Die dritte ERP-getriebene MES-Entwicklung wird durch Systemhäuser repräsentiert, die mit den großen ERP-Anbietern assoziiert sind. Insbesondere im SAP-Umfeld haben einige Partner eigene SAP-spezifische ME-Lösungen entwickelt. Diese ME-Lösungen basieren natürlich auf den jeweiligen ERP-Entwicklungsumgebungen und sind i.d.R. vollständig ERP-integriert.

Die Frage nach der besten Lösung
Die Frage, ob es besser ist, eine eigenständige, spezialisierte, möglicherweise ausgereifte und etablierte ME-Lösung zu wählen, oder - sofern angeboten - auf ein MES des eigenen ERP-Anbieters zu setzen, ist pauschal nicht zu beantworten.

Den Vorteilen, „Alles aus einer Hand“ zu erhalten und im Einführungsprojekt keine Schnittstellenprobleme lösen zu müssen, steht der Nachteil gegenüber, dass den klassischen ERP-Systemen zumeist die MDE-gestützte „Prozessnähe“ und der detaillierte, real-time fähige Datenbestand fehlt, um eine schnelle und flexible Handhabung der Prozesse im Fertigungsumfeld wirksam zu unterstützen, insbesondere wenn viele Prozessparameter erfasst und verarbeitet werden müssen. Wenn Maschinensignale/Prozessdaten zur Kennzahlen- und Kennlinienbildung, zum Online-Monitoring oder sogar zur Regelung von Maschinen und verfahrenstechnischen Anlagen eingesetzt werden sollen, liegen zumindest „soft realtime“, evtl. sogar „hard realtime“ Anforderungen an das MES vor. Hier stoßen die ERP-Systeme zumeist an ihre Grenzen.

Ein weiterer Aspekt kann in einem Entscheidungsprozess eine wichtige Rolle spielen. Der ERP-Markt und der Markt für ME-Lösungen unterscheiden sich u.a. dadurch, dass ERP-Systeme i.d.R. deutlich stärker parametrisiert und customizebar sind bis hin zu standardisierten Branchenlösungen. Aber wenn die Kernkompetenzen und wichtigen Wert schöpfenden Prozesse in der Produktion liegen und Unternehmen sich hier gegen ihre Wettbewerber abgrenzen, sind zumeist auch individuellere Shop Floor-Lösungen gefragt. Diese Anforderungen decken häufig spezielle MES ab, die dann sehr individuelle Ausprägungen bei entsprechend höheren Projektkosten haben können. Aber vor dem geschilderten Hintergrund sind höhere Projektkosten dann auch gerechtfertigt.

Checklistenbasierter ME-Systemvergleich
Letztlich muss jedes Unternehmen selbst anhand des eigenen Anforderungsprofils entscheiden, ob die ME-Funktionalität des vorhandenen ERP-Systems oder ein spezielles MES die bessere Alternative darstellt.