Marktübersicht: Pull mit ERP und MES

Hanna Theuer und Madleen Pahl

In vielen Produktionsunternehmen wird durch die Einführung schlanker Produktionsprozesse eine Steigerung der Wertschöpfung erreicht. Das bedarfsorientierte „Ziehen“ der Aufträge durch die Produktion birgt u. a. Potenziale in der Verringerung von Beständen, der Senkung von Steuerungsaufwand und der Reduzierung der Durchlaufzeit. Durch eine Integration des Ziehprinzips in ERP- und MES-Lösungen kann eine ganzheitliche Betrachtung ermöglicht werden.

Das Center for Enterprise Research (CER) der Universität Potsdam führte eine Marktrecherche zu „Pull mit ERP und MES“ durch. Hierzu wurden zahlreiche Anwender im deutschsprachigen Raum angesprochen. Insgesamt sind Antworten zu 29 Lösungen eingegangen. Die Ergebnisse werden nachfolgend in Form einer qualitativen als auch quantitativen Auswertung der Schwerpunktbereiche zusammengefasst.

Lösungsangebot
Während ERP-Systeme die unternehmensweiten Ressourcen verwalten können, liegt der Fokus von MES-Lösungen auf der Verwaltung und Steuerung von Produktionsprozessen. 17 Unternehmen gaben an, dass ihre Lösung ein ERP-System ist, 16 Unternehmen gaben an, dass ihre Lösung ein MES ist. Fünf Lösungen wurden dabei beiden Systemtypen zugeordnet. Weiterhin sind sieben Lösungen als Stand Alone konzipiert.

Elemente zur Unterstützung des Ziehprinzips sind bei 22 Lösungen bereits in der Basisversion enthalten. 10 der teilnehmenden Lösungen bieten hier Möglichkeiten in einer Eigenlösung an, welche optional zu kaufbar ist. Bei zwei Lösungen besteht die Möglichkeit der Erweiterung der Basislösung um Elemente des Ziehprinzips durch eine optional zu kaufbare Fremdlösung.

Produktionsfunktionen
Zur Detaillierung des Funktionsumfang der teilnehmenden Lösungen wurden diese nach der Erfüllung von 20 Produktionsfunktionen gefragt. Hierzu gehörten beispielsweise die Fertigungsauftragsfeinplanung, welche 28-MalSystembestandteil ist, die Betriebsdatenerfassung, die Fertigungsauftragsfreigabe und -rückmeldung, der Fertigungsleitstand und die Stücklistenverwaltung (jeweils 27 Nennungen). Am seltensten wurden das ControllerPerformance Management (15 Nennungen), das Variantenmanagement (16 Nennungen) und das Condition Monitoring (17 Nennungen) aufgeführt. Fünf Systeme bieten alle, lediglich drei Systeme weniger als 14 der aufgeführten Funktionen an.

Logistikfunktionen
Ebenfalls wurde das Angebot von sieben Logistikfunktionen erfragt. Die Materialwirtschaft ist dabei mit 26 Nennungen am häufigsten angegeben worden. Das Serienmanagement und die Chargenverwaltung ist bei 25 der teilnehmenden Systemen im Portfolio. Am seltensten wurde die Tourenverwaltung genannt (12 Nennungen).

Umgang mit Kanban
Mit Hilfe von Kanban können Prozesse bedarfsorientiert gesteuert werden. Kanban (jap.: Karte) sind Karten, welche vom nachgelagerten Prozess an der vorgelagerten gereicht werden und dort einen Produktionsauftrag auslösen. Dabei ist die Anzahl der Kanbans in jedem Regelkreis so zu bestimmen, dass eine stetige Versorgung des Verbraucherprozesses gewährleistet ist und gleichzeitig keine unnötigen Zwischenbestände entstehen, d. h. nur das wirklich Nötige produziert wird. Durch die Integration der Kanbanprozesse in ERP- und MES-Lösungen kann dieses Vorgehen auch rechnergestützt abgebildet und dokumentiert sowie in die bestehende Prozessautomatisierung integriert werden. Bild 1 stellt sechs Kanban-Funktionen und die Anzahl der Systeme dar, die diese jeweils erfüllen. Am häufigsten wurde die Möglichkeit des Scannens von Kanban zum Melden beendeter Lose genannt. Kalkulationshilfen zur Auslegung der Anzahl der Karten werden von zehn Systemen angeboten.

Bild 1: Möglichkeiten des Systems zum Umgang mit Kanban

Graphische Auswertung
Graphische Darstellungen bieten dem Nutzer eine übersichtliche Grundlage zur Analyse der Prozesse und dienen oftmals zugleich als Diskussionsbasis für Verbesserungsprozesse. Zu den graphischen Darstellungsmethoden zählen die Abbildung von Prozessen und Puffern, Zustands- und Warnsignale für Supermärkte und FIFO-Bereiche (z. B. unterschrittene Mindestbestände), die Klassifizierung von Durchlaufzeiten in Transport-, Lager und Wertschöpfungszeiten, Schnittstellen zur Ansteuerung von Andon-Tafeln und der Export von lean-relavanten Kennzahlen für weitere Anwendungen. Bild 2 stellt dar, wie viele der teilnehmenden Systeme die genannten Punkte erfüllen.

In diesem Bereich sind starke Unterschiede zwischen den verschiedenen Systemen feststellbar. Fünf Lösungen bieten alle sechs, drei Lösungen keine der Funktionen an.

Bild 2: Graphische Auswertungsmöglichkeiten

Kundennutzen
Auf die Frage nach dem Nutzen, welchen die Kunden durch die Anwendung der verschiedenen Lösungen haben, wurden insbesondere Antworten gegeben, die sich auf eine Prozessverbesserung beziehen. Dazu gehören die Reduzierung von Durchlaufzeiten sowie die verbesserte Auslastung von Bottlenecks. Durch eine Verringerung von Lagerbeständen und -flächen können die damit verbunden Kosten reduziert werden. Die Erkennung und Vermeidung von Lieferengpässen, eine erhöhte Flexibilität sowie die termingerechte Bereitstellung des Materialbedarfs führen zu einer hohen Liefertreue. Zudem wird durch eine enge Verzahnung von Qualitätssicherung, Bewirtschaftung, Produktion und Distribution die Transparenz erhöht.

Trends
Weiterhin wurden die Unternehmen nach allgemeinen Trends in den kommenden Jahren im Bereich des Ziehprinzips gefragt. Einige Antworten sind im Folgenden dargestellt. So wird die Zunahme selbstregulierender Systeme sowie der Prozessautomation – insbesondere vor dem Hintergrund der von den Kunden geforderten steigenden Variantenvielfalt – und die weitere Dezentralisierung als eine wichtige Entwicklung gesehen. Hier spielt auch die Integration von Transportsystemen und Identifikationstechnologien wie RFID eine entscheidende Rolle. Diese ermöglichen auch Trackingverfahren, welche zu einer Vereinfachung von Buchungen führt. Eine effiziente Unternehmenssteuerung und schlanke Prozesse mit Losgröße 1 sind aufgeführte Entwicklungen. Weiterhin wurde angegeben, dass es eine zunehmende Durchdringung von Pull insbesondere in der Fertigungsbranche geben wird. Aber auch eine Kombination von Pull und Push ist ein genannter Trend.

Systementwicklungen
Zum Abschluss der Recherche konnten die Unternehmen Angaben über geplante Entwicklungen ihrer Lösungen in den kommenden drei Jahren machen. Hier wurden der Ausbau der Kanban-Monitors, eine umfassende Abbildung agiler Methoden, der Ausbau der Echtzeit-Integration durch Web-Services, Erweiterungen von Traceability, Visualisierung und Kennzahlensystem, die Kombination von Pull und Push sowie die Integration mobiler Endgeräte und Cyber Physical Systems (CPS) genannt. Schlüsselwörter Enterprise Resource Planning, Manufacturing Execution System, Markt-überblick, Pull-Prinzip, Zieh-Prinzip, Lean Manufacturing, Schlanke Produktion, Prozessverbesserung

Wenn Sie die komplette Marktübersicht lesen möchten, klicken Sie hier

Auszug aus dem Marktüberblick