Lernplattform
Eine neue Dimension des Lernens von schlanken Abläufen

Markus Block, Frank Bertagnolli und Kerstin Herrmann

Raus aus dem Schulungsraum, ran ans Produkt: Gemäß diesem Motto, ermöglicht das innovative Konzept einer Lernfabrik die praxisnahe Gestaltung stabiler, effizienter Prozesse. In einer echten Produktionsumgebung, mit realen Pkw-Bauteilen und Fahrzeugen, erleben Mitarbeiter und Führungskräfte aller Daimler-Bereiche in verschiedenen Rollen die Prozesse der Supply Chain. Der modulare Aufbau erlaubt die Ausgestaltung individueller Qualifizierungspfade mit dem Ziel, in allen Unternehmensbereichen Bewusstsein für den Mehrwert angewandter Lean-Prinzipien zu schaffen.

Stabile und effiziente Prozesse am Ort der Wertschöpfung und die damit korrelierende Vermeidung von Verschwendung sind die zentralen Themen der Lean-Management-Philosophie. Neben den darin verankerten Prinzipien, Methoden und Werkzeugen, stellt die Qualifikation von Führungskräften und Mitarbeitern ein wesentliches Element zur nachhaltigen Implementierung und Weiterentwicklung einer Organisationskultur dar, in der die kontinuierliche Verbesserung für die gesamte Belegschaft selbstverständlich ist [1]. Schließlich werden durch diese Verbesserungspotenziale identifiziert, Maßnahmen umgesetzt sowie durch ihre Erfahrungen Impulse zur kontinuierlichen Weiterentwicklung gegeben. 

 


Bild 1: Lernplattform im Mercedes-Benz Werk Sindelfingen.

Dieses Verhalten bedingt als Voraussetzung, dass Führungskräfte und Mitarbeiter sowohl kompetent als auch motiviert sind. Folglich ergibt sich die Frage, in welcher Form Kompetenz und Motivation gestaltet oder gefördert werden können, so dass jeder in seiner Funktion in der Lage ist, den kontinuierlichen Verbesserungsprozess (KVP) im Kontext der schlanken Produktion auszuführen und diesen auch mit
Eigenengagement und Begeisterung zu unterstützen [2]. 


Erfolgsfaktor Vermittlungsansatz

Einen grundlegenden Erfolgsfaktor zur kompetenzbasierten Qualifizierung stellen sogenannte Lernfabriken dar [2]. Dabei handelt es sich um einen an der Produktionsrealität orientierten Lernort, der für die Aus- und Weiterbildung genutzt wird. Durch die Schaffung authentischer Arbeitsstrukturen und damit alltagsrelevanter Anforderungssituationen, bestehen die wesentlichen Vorteile darin, dass ein aktives Lernen durch die Verbindung von Theorie-, Praxis- und Erfahrungslernen ermöglicht wird [3]. 

Auch die Lernplattformen, z.B. im Pkw-Werk Sindelfingen, welche die Prinzipien des Mercedes-Benz Produktionssystems erlebbar machen, unterstützen die Schulungsteilnehmer gezielt bei der Umsetzung in die Praxis (Bild 1). Der Vermittlungsansatz der Trainings lautet 80 Prozent Praxis zu 20 Prozent Theorie: Denn, was man eigenhändig ausprobiert, begreift und diskutiert, bleibt nachhaltig in Erinnerung und kann unmittelbar auf die tägliche Arbeit transferiert werden. Die reale Produktionsumgebung fokussiert folgende zentrale Ziele:

  • Prozessketten verstehen und optimieren lernen
  • erlerntes Wissen praktisch erproben 
  • stabile, effiziente Prozesse gestalten 
  • authentische Wahrnehmung der Produktionsumgebung ermöglichen
  • Best-Practice-Lösungen kennen lernen, erproben, adaptieren und transferieren

Damit steigt die Lernkurve besonders stark an und schließt die bis dato existierende Lücke zwischen Simulation (Theorie) und Realität (Praxis) (Bild 2). 

 


Bild 2: Lernkurve bei unterschiedlichen Qualifizierungskonzepten nach [4].


Innovationen der Lernplattform 

Neben den zuvor erläuterten Beiträgen zur Lean-Qualifizierung, fokussiert das auf kontinuierliche Weiterentwicklung ausgelegte Konzept folgende, neuartige Ansätze und Herangehensweisen, sogenannte Innovationen der Lernplattform, welche eine entsprechende Erweiterung zu bisherigen Lernfabriken darstellen: 


1. Umfassende Darstellung der internen Wertschöpfungskette

Ein wesentliches Merkmal ist die durchgängige Abbildung des Produktflusses durch die Bereiche Fertigung, Vormontage und Endmontage (Bild 3). Dadurch können die für den Automobilbau spezifischen Gewerke mechanische Fertigung,  Presswerk, Rohbau, Oberfläche sowie Montage und Logistik integriert werden. Im Gegensatz zu anderen, bis dato existierenden Lernfabriken, handelt es sich bei der Lernplattform folglich nicht um eine isolierte, sondern um eine umfassende Abbildung der internen Wertschöpfungskette. Damit lassen sich verschiedene Themenfelder der schlanken Produktion in den jeweiligen Bereichen – von der Teilefertigung/-bearbeitung über die Komponentenmontage und Logistik bis zur Endmontage der Fahrzeuge – tiefgehend detaillieren. So kann beispielsweise die Methode SMED (Single Minute Exchange of Die) als Synonym zum schnellen Rüsten, im Bereich der Fertigung an realen Anlagen erläutert und erprobt werden. 

 


Bild 3: Darstellung des Wissenstransfers auf der Lernplattform.

 

2. Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen den Bereichen der Wertschöpfungskette

Weiterhin erfolgt durch die umfassende Darstellung der Wertschöpfungskette, eine Qualifizierung hinsichtlich bereichsübergreifender Themenfelder. So werden insbesondere Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen den Bereichen der Supply Chain - sowohl unternehmensintern als auch zu Lieferanten - transparent gemacht, Potenziale der Schnittstellen aufgedeckt und Ideallösungen aufgezeigt. Ein klassisches Beispiel in diesem Kontext ist das Thema der Materialbereitstellung am Band der Fahrzeugmontage, die sogenannte Montage-Logistik-Schnittstelle. Hierbei sind die differenten Ziele der Logistik (z.B. Behältergröße und –reichweite und damit Anlieferfrequenz) und der Montage (z.B. abgriffsoptimierte Materialbereitstellung und Optimierung der Ergonomie) zu harmonisieren. 


3. Zielgruppenspezifische und bedarfsorientierte Qualifizierung

Eine Weiterentwicklung stellt auch die zielgruppenspezifische Qualifizierung dar. Um Kompetenzen und Fähigkeiten der Schulungsteilnehmer zu fördern sowie Qualifizierungsbedarfe gezielt zu erfüllen, werden Führungskräften und Mitarbeitern im Training Rollen zugeteilt, die ihrer jeweiligen Alltagsrealität bestmöglich entsprechen oder auf zukünftige Aufgaben vorbereiten. So befindet sich beispielsweise eine Führungskraft in beobachtender Rolle und in der Verantwortung von Ergebniskennzahlen, welche im Rahmen des Shopfloormanagements (Führen vor Ort) gemeinsam diskutiert werden. Mitarbeiter der indirekten Bereiche, wie beispielsweise aus Planung, Informationstechnologie oder dem Personalbereich, werden primär bezüglich administrativer Lean-Themen qualifiziert. Für Mitarbeiter aus den direkten Produktionsbereichen, wie z.B. aus Montage, Logistik oder anderen Gewerken, liegt der Fokus auf dem Kennenlernen und Erproben von Best-Practice-Lösungen sowie dem Transfer dieser auf den eigenen Arbeitsplatz. Weiterhin kann durch einen gezielten Rollentausch, die Perspektive von Kollegen in angrenzenden Bereichen erfahren werden. 


Bild 4: Modulares, mehrdimensionales Schulungskonzept
entsprechend des Qualifikationsbedarfs.

Unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Vorkenntnisse und Erfahrungen der Teilnehmer, handelt es sich zusammenfassend um ein modulares, mehrdimensionales Schulungskonzept (Bild 4). Einzelne Qualifizierungsbausteine bilden damit die Basis für ein zielgruppen- und lernerfolgsorientiertes Verstehen, Begreifen und Umsetzen eines flächigen Lean-Ansatzes.  

 


Qualifizierungsmodule der Lernplattform

Wie in Bild 4 dargestellt, repräsentieren die Qualifizierungsmodule der Lernplattform eine weitere Dimension des Schulungskonzeptes. Ein Qualifizierungsmodul entspricht einer Trainingseinheit, ist thematisch definiert und damit einem bestimmten Bereich der Lernplattform zugeordnet. Weiterhin ist ein Trainingsmodul eng gekoppelt mit den Vorkenntnissen und Erfahrungen der Teilnehmer hinsichtlich der schlanken Produktion. Auf die Module zum Erlernen von Grundlagen setzen z.B. gewerke- und fachteamspezifische Module auf. Die bis dato entwickelten Qualifizierungsmodule der Lernplattform finden sich strukturiert nach Lernzielen und angewandten Lean-Prinzipien in Tabelle 1 wieder.

 


Tabelle 1: Qualifizierungsmodule der Lernplattform.


Fazit

Die Fähigkeit eines Unternehmens, Führungskräfte und Mitarbeiter kompetenzbasiert für eine schlanke Produktion und Verwaltung zu qualifizieren, ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor für dessen Wettbewerbsfähigkeit. Die Lernplattform, welche zur Umsetzung der Lean-Prinzipien des Mercedes-Benz Produktionssystem befähigt, leistet hierfür einen wesentlichen Beitrag. Weitere geplante sowie sich in Entwicklung befindliche Trainingsmodule sind somit erforderlich, um langfristig und nachhaltig den Gedanken der schlanken Prozesse in allen Unternehmensbereichen zu verankern. Die einzelnen Qualifizierungsmodule sind so angelegt, dass diese auch an andere Standorte transferiert werden können, um den Anforderungen eines global agierenden Konzerns gerecht zu werden. 

 

Schlüsselwörter:

Lernfabrik, Lernplattform, schlanke Prozesse, Qualifizierungsmodule, kompetenzbasierte Qualifizierung

Literatur:

[1] Oeltjenbruns, H.: Organisation der Produktion nach dem Vorbild Toyotas – Analyse, Vorteile und detaillierte Voraussetzungen sowie die Vorgehensweise zur erfolgreichen Einführung am Beispiel eines globalen Automobilkonzerns. Dissertation, TU Clausthal 2000
[2] Wagner, C.; Heinen, T.; Regber, H.; Nyhuis, P.: Fit for Change – Der Mensch als Wandlungsbefähiger – Anforderungen an eine Lernfabrik zur Qualifizierung von Mitarbeitern. wt Werkstattstechnik online 100 (2010) H.9, S.722-727
[3] Tremper, U.: Grundzüge betrieblicher Bildungsarbeit in Lernenden Organisationen – Integration von Qualifizierung und Bildung am Beispiel des Gruppenlernens. Dissertation, TU Berlin 2000
[4] McKinsey & Company; CiP Darmstadt: Capability building as crucial success factor in Lean Transformations. McKinsey model factory, 2009