Zielgruppenspezifische, modulare Weiterbildungskonzepte
Einsatzpotenziale von Robotik in der Logistik

Jessica Blings, Frank Molzow-Voit, Florian Plönnigs, Moritz Quandt, Moritz Rohde und Sebastian Augustin

Der Einsatz von Robotik in der Logistik steht aufgrund der hohen Anforderungen an die Flexibilität, der eingesetzten Lösungen und einer überwiegend dynamischen Auslastung großen Herausforderungen gegenüber. Insbesondere in kleinen und mittelständischen Unternehmen wird das Potenzial von Robotiklösungen bisher wenig in Anspruch genommen. Durch die Entwicklung eines zielgruppenorientierten, modularen Weiterbildungskonzeptes, welches sich an robotikanwendende und -interessierte Unternehmen richtet, sollen diese Hemmnisse gegenüber Robotik in der Logistik abgebaut werden.

Problemstellung
Entgegen der Aufgabenstellungen in der Produktion ist das Anwendungsfeld der Logistik durch eine variable Systemauslastung, eine hohe Varianz der Handhabungsgüter sowie einer damit einhergehenden geringen Standardisierung von Stückgütern und Prozessen gekennzeichnet [1]. Im Rahmen der Studie RoboScan´12 wurde neben den Anforderungen der Unternehmen wie z. B. der zeitlichen und einsatzbezogenen Flexibilität oder der Integration in den bestehenden Maschinenpark, der hohe erwartete Investitionsbedarf als wichtiges Hemmnis bei der Einführung einer Robotiklösung identifiziert [2]. Unter der Voraussetzung der Synchronisierung von Material-, Informations- und Kontrollflüssen und somit einer optimalen Einbindung automatisierter Systeme in die gesamte Prozesskette, bietet die Automatisierung jedoch ein hohes Potenzial zur Steigerung der Effizienz von Logistikprozessen [3]. Insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) ergreifen allerdings bisher nur zögerlich die Chance von einem Einsatz individualisierter Robotiksysteme zu profitieren. Der Abbau der vorhandenen Hemmnisse sowie die Schaffung von Kompetenzen im Bereich der Robotik in der Logistik in KMU kann durch eine zielgruppenorientierte Weiterbildung für Fach- und Führungskräfte aus Unternehmen der Logistikbranche geleistet werden.

Ansatz
Ausgehend von einem berufswissenschaftlichen Verständnis wird ein qualitativer Zugang zur Erschließung relevanter Inhalte gewählt. Die berufliche Kompetenzentwicklung der Befragten sowie der Arbeits- und Geschäftsprozess in den Unternehmen bildet dabei das Hauptinteresse der leitfadengestützten Experteninterviews [4, 5].
Arbeit und Lernen werden als ein durch Gesellschaft, Betrieb und Individuen zu gestaltendes Element verstanden –die Technik ist dafür das Mittel. Auf diese Weise wird die Gefahr eines Technologiedeterminismus [6,7] umgangen. Das bedeutet, dass alle Entwicklungen von dem Verständnis einer arbeitenden Fachkraft in komplexen Arbeitsprozessen ausgehen, die Technik reflektiert und gestaltend einsetzt. In den Aufgabenbereichen von Facharbeit lassen sich drei Dimensionen feststellen [8]:

  • Gegenstand der Facharbeit (Technik, Funktionen, Phänomene und Kunden)
  • Werkzeuge, Methoden und Organisation der Facharbeit
  • Anforderungen an Facharbeit und Technik (Gesetze, Servicekonzepte, Hersteller, Kunden).

In berufswissenschaftlichen Fallstudien wird eine Analyse von Kernarbeitsprozessen durchgeführt, welche die Arbeit mit der Robotiklösung im Betrieb ausmachen. Das Ergebnis bildet die Grundlage eines Curriculums zur Weiterbildung von Fachkräften und EntscheidungsträgerInnen im Bereich der Robotik in der Logistik.

Erhebung
Insgesamt wurden vier Fallstudien in unterschiedlichen KMU innerhalb der Logistikbranche durchgeführt. Die Fallstudien offenbarten firmenübergreifende Potenziale und Hemmnisse, die je nach Zielgruppe innerhalb des Unternehmens der Einführung von Robotiklösungen entgegenstanden. Auf Leitungsebene steht das Inte-resse an einer innovativen Roboterlösung zur Optimierung der Produktion und ergonomischen Gestaltung des Arbeitsplatzes der Annahme gegenüber, dass der Einsatz von Robotertechnologie aufgrund der fehlenden Standardisierung von Gütern und Prozessen in der Logistik zu kostspielig ist. Auf Seiten der Bediener bzw. des durch eine Realisierung der Roboterlösung betroffenen Personals wurden Befürchtungen geäußert, die zumeist auf dem Ressentiment beruhen, dass ein Roboter zwangsläufig zu einem Verlust des Arbeitsplatzes führt. Zugleich wurde aber auch beklagt, dass die standardisierte Arbeit, die vom Roboter erledigt wird, auch die einfache Arbeit sei. Die schwere Arbeit, die durch sperrige, schwierig zu transportierende Produkte besteht, muss weiter vom Menschen geleistet werden. Aber auch hier ließen sich positive Grundhaltungen finden, die sich nicht nur in der Wahrnehmung einer Arbeitserleichterung ausdrückten, sondern auch in dem Bewusstsein der Vorzüge menschlicher Fähigkeiten gegenüber dem Roboter. Des Weiteren wurde die Aufgabe der Bedienung eines Roboters auch als eine Aufwertung des eigenen Aufgabenfeldes sowie als Anerkennung der persönlichen Fähigkeiten empfunden.

Ergebnis
Durch die Erkenntnisse der Fallstudien wurde bestätigt, dass sich ein Weiterbildungsangebot zur Robotik in der Logistik nicht auf einzelne Beschäftigungsebenen innerhalb eines Unternehmens beschränken darf. Vielmehr gilt es, Hemmnisse auf allen Ebenen ab- und Kompetenzen in allen Bereichen auszubauen, um auf diese Weise die Beschäftigungsfähigkeit zu erhöhen, Raum für betriebliche Innovationen zu schaffen sowie Kompetenzen für den Veränderungsprozess aufzubauen. Zu den Zielgruppen des Weiterbildungsangebotes zählen demnach neben MitarbeiterInnen der Geschäftsführung und technischen Leitung auch ausgebildete FacharbeiterInnen sowie un- und angelernte MitarbeiterInnen.
Das Hauptaugenmerk der Fallstudien lag auf der Identifizierung von Kernarbeitsprozessen. Es stellt sich heraus, dass der Prozess der Einführung der Robotiklösung derart anspruchsvoll ist, dass er wie ein Arbeitsprozess zu betrachten ist, der ganz eigene Herausforderungen birgt. Vor allem der Umgang mit den anstehenden betriebswirtschaftlichen, arbeitsorganisatorischen, ergonomischen Veränderungen und neu zu gestaltenden Arbeits- und Geschäftsprozessen bedarf auf den verschiedenen Beschäftigungsebenen neuer Kompetenzen.


Bild 1: Kernarbeitsprozesse beim Einsatz von Robotik in der Logistik

In Bild 1 sind sechs Kern-arbeitsprozesse aufgelistet, die die Arbeit mit Robotik in den Betrieben charakterisieren:
Diese sechs Kernarbeitsprozesse bilden den inhaltlichen Rahmen für die didaktische Umsetzung des modularen Weiterbildungsangebots. Dementsprechend wurden in einem weiteren Schritt Module entwickelt, deren Inhalte sich aus den o. g. Kern-arbeitsprozessen ableiten.

Fazit
Die Einführung von Robotiklösungen sowie die Arbeit mit diesen Lösungen in KMU lässt sich in sechs Kernarbeitsprozessen beschreiben. Wobei auch die Einführung der Robotik im Betrieb als Arbeitsprozess betrachtet wurde, da dies als Veränderungsprozess nicht unterschätzt werden darf. Dieser Arbeitsprozess ist der einzige der sich bei erfolgreichem Abschluss erübrigt.
Um die Einführung von Robotik und einen gestaltungsorientierten Umgang mit Robotik im Betrieb zu ermöglichen, ist es erforderlich auf allen Beschäftigungsebenen Kompetenzen aufzubauen.
Nach Abschluss der Erhebungsphase und der darauf folgenden konzeptuellen Vorarbeit in Form der Analyse von Kernarbeitsprozessen und Entwicklung entsprechender Module, gilt es nun, die Weiterbildungsmaßnahme durchzuführen. Hierzu werden momentan in Bremen geeignete TeilnehmerInnen aller Zielgruppen gesucht, die ein Interesse aufweisen und zum Start im Frühjahr 2014 teilnehmen können.

Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Forschungsprojekts „Robotik in der Logistik - zielgruppenspezifische Weiterbildung für Fachkräfte und EntscheidungsträgerInnen (RobidLOG)“. Das Forschungs- und Entwicklungsprojekt wird mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds(ESF) im Rahmen des „Beschäftigungspolitischen Aktionsprogramms für Bremen und Bremerhaven“gefördert (weitere Informationen: http://www.robotik-weiterbildung.de/projekte/robotik-in-der-logistik/).

Schlüsselwörter:

Robotik in der Logistik, berufliche Weiterbildung, Arbeitsprozessorientierung

Literatur:

[1] Scholz-Reiter B. u. a.: Towards automation of low standardized logistic processes by use of cyber physical robotic systems (CPRS). Proceedings of the 13th WSEAS international conference on Mathematical and computational methods in science and engineering, pp. 293-298, 2011
[2] Rohde M.; Pallasch A.K.; Pfeffermann N.: RoboScan觐–Studienergebnisse der Onlinebefragung zum Markt der Robotik-Logistik: Entwicklungen, Potentiale und zukünftige Handlungsfelder. Berlin, Springer-VDI-Verlag, 2012
[3] Rohde M. u. a.: Intuitive robot programming for automation of low standardized logistic processes. International Journal of Systems Applications, Engineering & Development, pp. 137-145, 2012
[4] Spöttl G.; Blings, J.: Kernberufe. Ein Baustein für ein transnationales Berufsbildungskonzept. Peter Lang Verlag, 2011
[5] Blings, J.; Spöttl, G. (2003): ECO-Recycler –ein europäisches Kernberufsprofil für die Kreislauf- und Abfallwirtschaft, a European core occupational profile for the closed loop and waste economy. Nationale Agentur für Bildung in Europa beim BIBB (Hrsg.), Impuls-Reihe, Heft 9, Flensburg
[6] Grantz T.; Schulte S.; Spöttl G.: Lernen im Arbeitsprozess oder: Wie werden Kernarbeitsprozesse (berufspädagogisch legitimiert) didaktisch aufbereitet? In: bwp@ Berufs- und Wirtschaftspädagogik –online, Ausgabe 17, 1-18. Online: http://www.bwpat.de/ausgabe17/grantz_etal_bwpat17.pdf , 2009
[7] Blings, J. (2010): Neue Technologien, nachhaltige Entwicklung und Wissensunschärfen –Verunsicherungen von beruflicher Arbeit im Zeitalter der Globalisierung. In: Fenzl, C.; Spöttl, G.; Howe, F.; Becker, M. (Hrsg.): Berufsarbeit von morgen in gewerblich-technischen Domänen. Bielefeld, S. 14-19.
[8] Spöttl G.: Der Arbeitsprozess als Untersuchungsgegenstand berufswissenschaftlicher Qualifikationsforschung und die besondere Rolle von Experten(-Facharbeiter-)workshops. In: Pahl J.-P.; Rauner F.; Spöttl G. (Hrsg.): Berufliches Arbeitsprozesswissen. Ein Forschungsgegenstand der Berufswissenschaften. Baden-Baden, Nomos Verlagsgesellschaft, 2000