Schlanke Produktion in der Lebensmittelindustrie
Die Basis ist vorhanden, aber der Weg ist noch weit

Frank Balsliemke und Anika Behrens

Die Herausforderungen für Unternehmen bestehen heute darin, individuelle Kundenwünsche durch die Fertigung zahlreicher Varianten bei geringer werdenden Stückzahlen und einem gleichzeitig steigendem Kostendruck zu befriedigen. Eine gute Qualität ist eine selbstverständliche Voraussetzung. Um erfolgreich zu sein, müssen Unternehmen immer neue Potenziale zur Optimierung identifizieren. Ein Ansatzpunkt dafür ist das Thema Schlanke Produktion. Dieser Beitrag gibt einen Überblick über den Stand entsprechender Maßnahmen in der Lebensmittelindustrie.

Seit Mitte 2016 läuft an der Hochschule Osnabrück ein Forschungsprojekt, das durch die Dieter Fuchs Stiftung gefördert wird. Dabei geht es bis 2019 um die effiziente Umsetzung der Schlanken Produktion in der Lebensmittelindustrie. Das Projekt möchte die bisherige Verbreitung und möglichen Potenziale der Schlanken Produktion in der Lebensmittelindustrie aufdecken und darstellen.


Die Ausgangssituation der Studie

Die ursprünglich durch den japanischen Automobilhersteller Toyota bekannt gewordene Lean Production bzw. Schlanke Produktion gewinnt seit mittlerweile mehr als 25 Jahren für die verarbeitende Industrie in Deutschland immer mehr an Bedeutung. Der Trend ist ungebrochen und wird durch aktuelle Entwicklungen wie zum Beispiel Industrie 4.0 eher noch verstärkt. Wo jedoch metall- oder kunststoffverarbeitende Betriebe, zu nennen ist hier insbesondere die Automobilindustrie, zum Teil schon deutliche Effizienzgewinne erzielen konnten, steht die Lebensmittelbranche häufig eher am Anfang. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Zum einen ist die Branche trotz durchaus bestehender Konzentrationstendenzen sehr mittelständisch geprägt und eher traditionell ausgerichtet. Zum anderen sind die Anforderungen an die Produkte der Lebensmittelindustrie mit denen anderer Branchen nicht immer direkt vergleichbar. Die Umsetzung der Schlanken Produktion birgt deshalb in der Lebensmittelbranche besondere Herausforderungen. Da die Anwendung entsprechender Methoden aber gleichzeitig große Potenziale verspricht, haben viele (speziell größere) Unternehmen der Branche mit einer Umsetzung mindestens begonnen. 

Um der tatsächlichen Verbreitung von Lean Production in der Lebensmittelindustrie näher zu kommen, wurden im Sommer 2016 etwa 260 Unternehmen der Lebensmittelindustrie und deren Zulieferunternehmen eingeladen, an einer grundlegenden Umfrage zur Schlanken Produktion in der Branche teilzunehmen. Die im Folgenden dargestellten Ergebnisse basieren auf den eingegangenen Rückmeldungen von rund 60 Unternehmen.


Wesentliche Ergebnisse der Studie

Zunächst lässt sich feststellen, dass es auch im Rahmen der Studie eher die etwas größeren Unternehmen sind, für die Schlanke Produktion ein relevantes Themengebiet darzustellen scheint: Etwa 70 % der teilnehmenden Unternehmen beschäftigen mindestens 250 Mitarbeiter. Als ihre zurzeit größten Herausforderungen benennen diese Unternehmen erwartungsgemäß vor allem den starken Wettbewerb bzw. ein gefordertes Absatzwachstum bei gleichzeitigen Einsparungen im Produktionsbereich. Es wird deutlich, dass es im Bereich der Optimierung von Produktionsprozessen großen Handlungsbedarf innerhalb der Branche gibt.

Alle befragten Unternehmen kennen zwar die Begriffe Lean Production oder Schlanke Produktion, nur 37 % der Befragten geben jedoch an, diese auch unternehmensintern zu verwenden. Bemerkenswert ist hierzu insbesondere, dass sogar nur 25 % der Befragten antworten, auch ihre Mitarbeiter würden die Begriffe kennen und nutzen. Dies ist insbesondere deshalb von hoher Bedeutung, weil eine kontinuierliche Verbesserungsarbeit vor Ort, ein so genanntes Shop Floor-Management, ohne die weitgehende Einbeziehung der Werker und Werkerinnen kaum vorstellbar ist. Hier besteht erheblicher Nachholbedarf.

Bild 1: Der aktuelle Stand Schlanker
Produktion in der Lebensmittelindustrie

Demgegenüber sind den Unternehmen zahlreiche grundlegende Methoden der Schlanken Produktion bereits gut bekannt. So verbinden viele Teilnehmer der Studie damit Schlagworte wie den kontinuierlichen Verbesserungsprozess, 5S oder Standardisierung. Dagegen werden weiterführende Methoden wie die Wertstromplanung oder eine konsequente Reduzierung der Losgrößen nur von wenigen Unternehmen mit der Schlanken Produktion in Verbindung gebracht. Hier zeigt sich wiederum, dass die Lebensmittelbranche bei der Umsetzung noch ganz am Anfang steht. Auffallend ist, dass die Teilnehmer in den Fragebögen zu einem großen Prozentsatz das Thema flexible Kundenwünsche als eine große Herausforderung der täglichen betrieblichen Praxis angeben. Eine Umsetzung von Just-in-Time sei deshalb wesentlich. Die Umsetzung kleiner Losgrößen wird aber nur von 28 % der Befragten mit der Schlanken Produktion in Verbindung gebracht, obwohl diese die wesentliche Voraussetzung für eine Just-in-time-Produktion darstellt.  

 

Die erfolgreiche Umsetzung von Lean Production ist im Wesentlichen eine Führungsaufgabe. Verbesserung wird sich nicht von allein ergeben, sondern alle dafür erforderlichen Instrumente müssen von den Führungskräften gewollt werden. Das lässt sich auch an den Resultaten der Studie erkennen: Unternehmen, die ihren Fortschritt bei der Einführung als gut etabliert einschätzen, geben als Grund für die Beschäftigung mit dem Thema nahezu ausnahmslos an, dass die Unternehmensleitung mit dem Thema beginnen wollte. In den Erfolgen bei der Umsetzung spiegelt sich auch das Thema Unternehmensgröße wieder: 80 % derer, die ihren Fortschritt als „gut etabliert“ einschätzen, beschäftigen mehr als 500 Mitarbeiter; 75 % derer, die „noch ganz am Anfang“ stehen, beschäftigen unter 500 Mitarbeiter. Die aktuelle Selbsteinschätzung der befragten Unternehmen zeigt Bild 1.

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Schlüsselwörter:

Schlanke Produktion, Kontinuierliche Verbesserung, Lebensmittelindustrie