Marktüberblick Termintreue

Hanna Teuer

Die Erweiterung des magischen Dreiecks aus Kosten, Zeit und Qualität um Termintreue ermöglicht eine verbesserte Bewertung der Leistungsfähigkeit von Lieferanten. Insbesondere bei einer streng getakteten Produktion und der Ausrichtung nach Just in Time bzw. Just in Sequence ist die termingerechte Anlieferung von Material und Halbzeugen von hoher Bedeutung. Betriebliche Anwendungssysteme können produzierenden Unternehmen stabile Prozesse als Basis für eine hohe Termintreue bieten.

Das Forschungs- und Anwendungszentrum Industrie 4.0 an der Universität Potsdam führte einen Marktüberblick zum Thema „Termintreue“ durch. Hierzu wurden Anwender im deutschsprachigen Raum angesprochen. Insgesamt sind Antworten zu 20 Lösungen eingegangen. Die Ergebnisse werden nachfolgend in Form einer qualitativen als auch quantitativen Auswertung der Schwerpunktbereiche zusammengefasst.


Maßnahmen zur Verbesserung der Termintreue

Um eine höhere Termintreue zu erreichen, kann es für Unternehmen notwendig sein, die Produktionsprozesse zu verändern. Es existieren Prinzipien – beispielsweise die schlanke Produktion – nach denen die Prozesse gestaltet werden können. Weiter bildet die Erhebung von Kennwerten und eine darauf basierende Anpassung der Prozesse eine wichtige Grundlage. Zu beachten ist dabei stets die Hierarchie der Ziele, da einige in einer negativen Beziehung zueinander stehen können. Im Folgenden werden sieben Maßnahmen vorgestellt, die Verbesserungen der Termintreue bewirken können. Wie viele der teilnehmenden Systeme die jeweiligen Maßnahmen ermöglichen, ist in Bild 1 dargestellt. 

Stillstände können insbesondere technischer und organisatorischer Ursache sein. Zu den technischen Ursachen zählen unter anderem Ausfälle der Maschinen, Anlagen und Transporteinrichtungen (z. B. Transportfahrzeuge und Förderbänder) aufgrund mechanischer oder elektrischer Fehler. Diese Ursachen sind nicht primär durch Fabriksoftware beeinflussbar, können aber beispielsweise im Rahmen von vorausschauender Instandhaltung frühzeitig erkannt und behoben werden, so dass die Länge der Stillstände reduziert wird. Auf organisatorischer Seite stellt insbesondere das Fehlen von Ressourcen – Menschen, Informationen und Material – eine Ursache für ungeplante Stillstände dar. Moderne Fabriksoftware-Lösungen helfen:  So beispielsweise über die kompetenzorientierte Planung und Alarmierung von Personal, die bedarfsorientierte Bereitstellung aller für die Aufgabenausführung notwendigen Informationen oder die mengen-, termin- und qualitätsgerechte Verfügbarkeit von Material.

Insbesondere bei einer hohen Anzahl verschiedener Varianten oder der Herstellung kundenindividueller Produkte können lange Rüstzeiten entstehen, die einerseits nicht zur Wertschöpfung beitragen und außerdem eine nur schwer determinierbare Variable darstellen. Eine Reduzierung kann durch eine Verringerung der Anzahl notwendiger Rüstungen und ihrer Länge erreicht werden. Fabriksoftware-Lösungen können durch eine agile Reihenfolgeplanung die Anzahl der Rüstungen reduzieren. Für eine hohe Flexibilität der Auflagereihenfolge ist es jedoch unbedingt notwendig, die jeweilige Rüstdauer zu minimieren. Neben Verfahren wie SMED (Single Minute Exchange of Die) und QCO (Quick Change Over) stellt qualifiziertes Personal sowie die Kenntnis  über die notwendigen Informationen eine wichtige Grundlage für die Verringerung der Rüstzeiten dar. Bearbeitungszeiten können durch Fabriksoftware-Lösungen unter anderem durch die Bereitstellung von Funktionen zur Messung von Qualitätswerten und einer darauf basierenden Vermeidung notwendiger und zeitintensiver Nacharbeit reduziert werden. 

Bild 1: Anzahl der Systeme, die die Maßnahme
zur Verbesserung der Termintreue ermöglichen

Durch die Reduzierung von Losgrößen kann die Flexibilität der Produktion erhöht werden. Aufträge müssen nicht solange warten, bis eine hohe Anzahl ähnlicher Produkte gefertigt werden soll (da dieser Zeitpunkt in der Regel geschätzt wird, ergibt sich einer Unsicherheit über den Start der Fertigung und damit auch über den Fertigstellungstermin), sondern können relativ schnell bzw. zu einem bereits bei Auftragseingang bekannten Termin gefertigt werden. Allerdings kann eine Reduzierung der Losgrößen im konfliktionären Verhältnis zu anderen Zielen, wie beispielsweise der Reduzierung der notwendigen Anzahl an Rüstungen stehen. Daher ist es notwendig, die Abhängigkeiten zu erkennen und in der Produktionsplanung zu berücksichtigen. Fabriksoftware-Lösungen können mithilfe umfangreicher Algorithmen dazu beitragen, das für den jeweiligen Prozess beste Verhältnis von Losgröße und Anzahl der Rüstungen zu bestimmen, um so die Prozessflexibilität zu erhöhen und eine Verbesserung der Termintreue zu ermöglichen. 

Lange Durchlaufzeiten bergen die Gefahr, dass Fehler und Verzögerungen erst spät aufgedeckt werden. Dabei sollen insbesondere die nicht wertschöpfenden Zeiten betrachtet werden, die sich beispielsweise durch unnötiges Warten auf Ressourcen oder Zwischenlagerung ergeben können. Die Messung von Umlaufbeständen hilft beim Prozessverständnis und kann als Grundlage für eine Reorganisation dienen. 

Können Aufträge aufgrund von unvollständigen, widersprüchlichen oder fehlerhaften (im Sinne von nicht fertigbaren Konfigurationen) Informationen nicht fertiggestellt werden, entstehen Verzögerungen. Rücksprachen mit dem Kunden sind dabei essentiell, um die Auftragsdaten zu vervollständigen. Verzögert sich die Fertigung, ist  davon oftmals nicht nur das eigentliche Produkt betroffen, sondern aufgrund der Verzahnung der Herstellungsprozesse auch andere Produkte. Fabriksoftware-Lösungen können so gestaltet sein, dass über Formulare die Eingabe aller notwendigen Informationen sichergestellt wird und Algorithmen eine Prüfung hinsichtlich möglicher Widersprüche sowie Fehlern durchführen. Auf diese Weise kann verhindert werden, dass nicht herstellbare Fertigungsaufträge erzeugt werden. 


Planungsmöglichkeiten zur Verbesserung der Termintreue

Neben den oben genannten Maßnahmen ermöglichen Fabriksoftware-Lösungen insbesondere auch bei der Planung weitreichende Möglichkeiten für die Verbesserung der Termintreue. Mittels graphischer Anzeigen kann dem Produktionsplaner die Möglichkeit für eine verbesserte Übersicht der aktuellen bzw. künftigen Fertigungssitutation gegeben werden, welche als Grundlage für Entscheidungen dient. Typische Planungsaufgaben sind Feinplanungen auf Basis der aktuellen Situation, das Erkennen und Beseitigen von Terminkonflikten und der Abbau von Rückständen. Ein wichtiges Hilfsmittel für den Vertrieb können Informationsleitstände sein, welche eine zuverlässige Aussage über den zu erwarteten Fertigstellungs- bzw. Liefertermin ermöglichen. Sie berücksichtigen sowohl den aktuellen Planungsstatus als auch die spezifischen Anforderungen des Auftrags.


Kennwerte

Grundlage für die Generierung von Maßnahmen und Durchführung von Planungsaufgaben bilden Kennwerte, die entweder auf Basis von aufgenommenen Daten berechnet oder direkt im Prozess erfasst werden. Im Rahmen dieses Marktüberblicks wurden die teilnehmenden Unternehmen gebeteten, anzugeben, welche der fünf für die termintreue Prozessgestaltung relevanten Kennwerte (Termintreue, Durchlaufzeit, Auftragsrückstand, Auftragsfortschritt, Maschinenstatur) dem Nutzer bereitgestellt werden können. Hervorzuheben ist, dass nahezu alle Systeme alle fünf abgefragten Kennwerte zur Verfügung stellen. 


Synchronisation von Material- und Informationsfluss

Verlässliche Datenanalysen erfordern eine umfangreiche Erfassung der aktuellen Produktionssituation. Dabei ist es auch notwendig, dass der Material- und Informationsfluss synchron sind, das heißt insbesondere, dass stets ein digitales Abbild sämtlicher Materialflüsse vorliegt. Die an diesem Marktüberblick teilnehmenden Unternehmen haben unterschiedliche Verfahren zur Datenaufnahme angegeben. Neben der manuellen Buchung von Materialbewegungen durch den Werkenden über Betriebsdatenerfassungsterminals wurden Eingaben mittels Scanner, Maschinendatenerfassung und Logistiksteuerung genannt. Ein großes Augenmerk liegt dabei auf der kontinuierlichen und zeitnahen Synchronisierung. 


Feinplanung

Die termintreue Fertigstellung von Produktionsaufträgen erfordert eine exakte Feinplanung der Fertigungsaufträge. Die teilnehmenden Unternehmen beschreiben, dass ein exaktes Vorliegen der Ist-Situation als Grundlage verwendet wird. Weiterhin werden die relevanten Stammdaten durch eine bidirektionale Synchronisation bereitgestellt. Bei der Planung kommt der Berücksichtigung der verfügbare Ressourcen eine hohe Bedeutung zu. Auf der Seite der Fertigungsaufträge werden verschiedene Zielwerte (insb. Termine) für die Feinplanung einbezogen. Als relevant wurde auch eine hochwertige Visualisierung genannt, in der beispielsweise Terminkonflikte hervorgehoben werden und dem Werker so eine verbesserte Entscheidungsgrundlage gegeben wird. 

Auszug aus der Marktübersicht Termintreue


Trends und Entwicklungen

Die an dem Marktüberblick teilnehmenden Unternehmen wurden gebeten, die Trends und Entwicklungen der nächsten Jahre im Bereich der Termintreue zu bewerten. Als grundsätzlichen Tenor lässt sich die voranschreitende Digitalisierung der Produktion sowie eine damit einhergehende verbesserte Vernetzung – einerseits von verschiedenen Anwendungen und Modulenals auch von unterschiedlichen Unternehmen (Kunden-Lieferanten-Beziehung) feststellen. Die verbesserte Integration moderner Sensorik ermöglicht eine erweiterte Istdatenerhebung wodurch verlässliche Daten für Entscheidungen und Echtzeitsteuerung geschaffen werden. Ebenfalls wurden eine verbesserte Visualisierung von Informationen, die zentrale und standardisierte Verwaltung aller Maschineneinstellungen als Basis für kurzfristige Maschinenwechsel, eine agile Optimierung für schnelle und hochwerte Entscheidungen sowie eine umfangreiche Multiressourcenplanung für eine Quasi-Echtzeitplanung als Trends aufgeführt.  


Ausblick

Die Antworten der teilnehmenden Unternehmen haben gezeigt, dass Termintreue eine wichtige Thematik für produzierende Unternehmen ist. Moderne Fabriksoftware-Lösungen bieten weitreichende Möglichkeiten zur Generierung termintreuer Prozesse und zur Planung von termintreuen Fertigungsaufträgen. Aufgrund vielseitiger Abhängigkeiten bedarf es einer umfassenden Betrachtung von Daten unterschiedlicher Art. Neben Stammdaten muss insbesondere auch die aktuelle Fertigungssituation detailliert erhoben und im System abgebildet werden. Durch die Digitalisierung werden weiterführende Möglichkeiten er-
schaffen, um die Qualität und Quantität der erhobenen Daten zu erhöhen und die Mitarbeiter noch besser in den Prozess einzubinden. 

 

 

Schlüsselwörter:

Marktüberblick, Termintreue, MES, ERP, Prozessverbesserung